„Früher war die Gemeinschaft intensiver“
Ernst Kastner 50 Jahre Vorstandsmitgliedschaft beim Erler SV 08

Fußball. Seit 50 Jahren gehört Ernst Kastner dem Vorstand des Erler SV 08 an. Der langjährige Klubchef Karl Sewtz holte ihn einst zum Forsthaus. Der 78-Jährige erinnert sich an Spiele vor 8000 Zuschauern und eng getaktete Arbeitstage

Erle. Auf der Sportanlage des Erler SV 08 ist es ruhiger als sonst. Normalerweise jagen hier bereits ab dem frühen Nachmittag die jüngsten Fußballer der Kugel hinterher. Doch an diesem Montag ist es anders, die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie haben auch den Spiel- und Trainingsbetrieb am Forsthaus lahmgelegt. Für Ernst Kastner ist es ein besonders ungewöhnliches Bild. Der 78-Jährige war schließlich dabei, als der ESV in den 1970er-Jahren in der Verbandsliga vor 8000 Zuschauern spielte. Mittlerweile ist der gelernte Schlosser seit 50 Jahren im Vorstand des Klubs aktiv und blickt zudem auf viele Tätigkeiten im Fußballkreis und Sportgericht zurück. Im WAZ-Interview erzählt Kastner, der inzwischen Ehrenrats-Vorsitzender der Null-Achter und Kreisehrenamtsbeauftragter ist, wie ihn Klubchef Karl Sewtz zum ESV lotste und warum er nie selbst für seinen Herzensklub spielte.

 

Herr Kastner, die Corona-Beschränkungen machen Treffen in den Vereinen gerade unmöglich. Konnten Sie Ihr besonderes Jubiläum vorher denn zumindest noch ein wenig feiern? 

Ernst Kastner: Nein, wir haben bisher noch nicht gefeiert. Ich glaube aber auch, dass solche Jubiläen teilweise nicht mehr nachgehalten werden, weil in den Vereinen dafür die nötigen Helfer fehlen. Ich bin aber nicht böse darüber. Ich mache das schließlich nicht, um von anderen geehrt zu werden, sondern weil es mir Spaß macht. 

Wie ging das denn überhaupt los mit Ihnen und dem Erler SV 08? 

Das kam über die Zeche Graf Bismarck zustande. Ich habe dort als Schlosser gearbeitet und war Jugendsprecher. Bei einer Betriebsrat-Sitzungen hat mich Karl Sewtz angesprochen, der dort und im Vorstand von Erle 08 tätig war. Er meinte zu mir, dass er gute Kräfte braucht, die im Verein mitarbeiten. Der damalige Geschäftsführer sagte dann ‚Werd‘ doch zweiter Geschäftsführer, da brauchst du gar nicht viel machen.‘ Danach wurde aus dem zweiten der erste und so weiter (lacht). 

Das heißt, Sie haben vorher gar nicht für Null-Acht gespielt? 

Genauso ist es. Mein Vater hatte mit Sport nichts zu tun und musste von seinem Gehalt vier Kinder ernähren. Da waren Fußballschuhe nun mal nicht drin. Ich habe mir deshalb von einem Freund Schuhe geliehen und ein paar Monate heimlich bei einem Verein aus der Resser Mark gespielt. Als ich dann aber mal mit aufgeschürften Knien zurückkam und meine Eltern das bemerkten, hatte sich das mit dem Fußballspielen erledigt. 

Sie haben anschließend fast alle Vorstandspositionen vom Kassierer bis zum Vorsitzenden durchlaufen. Nebenbei waren, beziehungsweise sind Sie auch noch beim Fußballkreis und Sportgericht tätig. Wie haben Sie all‘ das unter einen Hut bekommen? 

Ja, das war schon etwas Besonderes. Ich habe schließlich normal gearbeitet. Meistens lief es so, dass ich meine Frau mittags angerufen und ihr gesagt habe, dass sie für mich kein Essen machen muss und nur meine Tasche packen soll, damit ich nach der Arbeit direkt zum Platz fahren kann. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Für mich war es aber das Beste. Wir hatten eine besondere familiäre Situation. Da war es wichtig, dass der Tag möglichst eng getaktet ist, um keine Zeit zum Nachdenken zu haben. 

Zeit zum Genießen blieb dabei aber hoffentlich doch noch. Welche Höhepunkte sind Ihnen im Gedächtnis geblieben? 

Höhepunkte waren natürlich die Aufstiege. In den 1960- und 70er-Jahren hat Null-Acht ja noch in der Verbandsliga, der damals höchsten Amateurklasse gespielt.Die Mannschaft in den 70ern mit Kurt Waschk und Joschi Wolters als Spieler und Josef „Jupp“ Broden und später Karl-Heinz Bechmann als Trainer war traumhaft. 

Mittlerweile spielt der Klub nicht mehr in der Verbands-, sondern der Bezirksliga. Was hat sich darüber hinaus in den 50 Jahren verändert? 

Die Gemeinschaft war intensiver. Sonntags haben die Frauen Kuchen gebacken und nach dem Spiel haben alle noch gemütlich zusammengesessen. Dann kamen auch die Zuschauer dazu und hatten Kontakt mit den Spielern. Heute trinken die Spieler vielleicht noch ein, zwei Bier und fahren nach Hause. Auch die Zuschauer sind weniger geworden. Als wir gegen Arminia Bielefeld um den Aufstieg in die zweite Liga gespielt und 0:1 verloren haben, waren 8000 Fans am Forsthaus. Heute kommen zu einem Derby in der Bezirksliga vielleicht noch 100. 

Die 100er-Marke könnte der ESV ja bei der nächsten Aufstiegsfeier knacken. Aktuell ist der Verein Bezirksliga-Spitzenreiter. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es trotz Corona-Unterbrechung mit dem Aufstieg klappt? 

Ich bin da guter Dinge. Ich hoffe, dass die Verbände die Saison abbrechen und diejenigen, die jetzt auf den Aufstiegsplätzen stehen, aufsteigen dürfen und die Absteiger nicht absteigen müssen. Das ist meiner Meinung nach die fairste Lösung. Dann wäre der Aufwand der Mannschaft nicht umsonst gewesen und wir würden endlich wieder in die Landesliga zurückkehren. 

Zweittext: „Ich habe nie an einen anderen Verein gedacht 

Ernst Kastner über seine besondere Verbindung zum ESV und seine Zukunftspläne 

Was macht den Erler SV 08 für Sie so besonders? 

Das hat sich schon früh entwickelt. Ich habeja nah am Sportplatz gewohnt und wollte die Spiele von Null-Acht sehen. Ich habe deshalb die Männer, die zum Forsthaus gelaufen sind, gefragt ‚Onkel, nimmse mich mit?‘ Dann haben sie mich an die Hand genommen und sind mit mir reingegangen. Als mich Karl Sewtz später angesprochen hat, hat sich das immer weiterentwickelt. Ich habe nie über einen anderen Verein nachgedacht. 

Was wünschen Sie dem Verein für die Zukunft? 

Naja, es ist nun mal klar, dass Erle 08 nie mehr so hoch spielen kann wie früher. Wo sollen die Spieler und vor allem das Geld herkommen? Meiner Ansicht nach ist die Landesliga deshalb das höchste der Gefühle. Wenn wir uns dort etablieren würden, wäre das super. Zumal wir in der Landesliga auch einige Derbys gegen SSV Buer, Horst 08 oder Viktoria Resse hätten, zu denen verhältnismäßig viele Zuschauer kommen. 

Und wie sieht es mit Ihren eigenen Zukunftsplänen aus? Feiern Sie in zehn Jahren Ihr 60. Jubiläum? 

Naja, soweit wird es wohl nicht kommen. Meine Frau möchte nicht, dass ich mit 80 noch etwas im Fußballverein mache. Zwei Jahre darf ich also noch (lacht).